Da bin ich nun, zehntausend Kilometer von zu Hause weg, in Ostafrika, in der Gegend des Victoriasees glücklich in Tansania angekommen. Ich hatte die verrückte Idee, den Heiligen Abend in der Serengeti zu verbringen. Dort, in Ost-Afrika, gibt es noch riesige Herden, die über die Steppen stampfen. Gerade zur Weihnachtszeit dieses Jahres finden aufgrund des vielen Regens die Wanderungen der bis zu drei Millionen Tiere zählenden Herden statt.
Dieses Schauspiel findet jährlich zweimal statt. Auslöser der Wanderungen ist der Wassermangel während der Trockenzeit. Derzeit findet die Rückwanderung zur Regenzeit statt. Es sind 1,1 Millionen Gnus, 150 000 Zebras und einige Hunderttausend Gazellen und Antilopen unterwegs. Verfolgt werden sie von den Raubtieren: Löwen, Leoparden, Geparden, Hyänen, Wildhunden, Schakalen und den wunderschönen Zibetkatzen. Adler, Falken und Bussarde fliegen mit. Die Nachhut bilden die Geier.
Verletzte Python
Ich wollte mir diesen großen Traum erfüllen und Weihnachten direkt in der Serengeti verbringen. Denn die letzten Tage des Praktikums in Lilongwe in Malawi waren sehr anstrengend. Im Wildlife-Center haben wir das Krokodil Henry in ein größeres Gehege gebracht und ich musste die tierärztliche Versorgung übernehmen. Leider brach die acht Meter lange Python aus und verletzte sich am Unterkiefer. Wir hielten die Python nach dem Einfangen fest. Ich säuberte die Wunden am Unterkiefer der fauchenden Schlange und nähte sie.
Das dauerte fast zwei Stunden, denn sie versuchte ständig, mein Bein abzuquetschen und wollte auch nicht meinen Arm in Ruhe lassen. Zur Belohnung nach der Behandlung bekam sie ein schönes großes Huhn.
Der Leopard hat schon seit Jahren eine zertrümmerte Kniescheibe. Ich habe ihm jetzt ein Schmerzmittel gegeben, damit er wenigstens sein großes Gehege nutzen kann. Ich stecke in die Fleischstückchen eine Tablette. Auch die Hyäne musste ins neue Gehege gelotst werden. Die Antilopenbabys bekommen jetzt auch feste Nahrung und müssen nicht mehr von mir die Flasche bekommen.
Das Problem war, wie ich die 2500 Kilometer von Lilongwe in Malawi in die Serengeti zurücklegen kann. Ein Flug war zu teuer. Alternative war der Zug nach Daressalam. Diese Zentralline Afrikas, ist noch von den deutschen Kolonialherren errichtet worden. Der Zug kann nur 40 Stundenkilometer fahren. Ursache ist, dass noch auf den Originalschienen der deutschen Kolonialisten gefahren wird. Es passierten viele Unfälle, aber ich wollte es wagen.
Elastisches Zeitverständnis
Mit einem Touristenpaar kam ich bis zur Grenze. Ein Dalladalla, ein Minibus mit 20 Passagieren und Tieren an Bord, brachte mich weiter bis nach Mbeya, wo der Zug um 13 Uhr abfahren sollte, doch vier Stunden später stand er noch immer im Bahnhof. Für Afrikaner ist Zeit eine elastische Sache. So wird ein Afrikaner nie fragen, wann der Zug abfährt, sondern wird einsteigen und warten.
Die Fahrt war abenteuerlich. Wir fuhren durch Nationalparks, an großen Herden von Giraffen, Zebras und Gnus vorbei und neben den Eisenbahnschienen lagen zahlreiche Knochen von Leoparden und Löwen, ein Ergebnis sinnloser Tötungen. Nach einigen Stunden hielten wir in einem Dorf.
Sobald die Kinder den Zug hörten, kamen sie herbeigerannt und hielten den Passagieren Speisen entgegen. Sie riefen „Chipati! Chipati!” (dünne Fladen aus Mehl und Wasser), „Ndizi!” (Kochbananen), „Bajia!” (frittierte Kokosnussbällchen), „Samosa!”, (gefüllte Teigtaschen). Hier galt es, sich für die nächsten 26 Stunden Zugfahrt mit Essen einzudecken. Ich konnte gerade noch mein letztes Geschäft abwickeln, schon ertönte das Tuten und der Zug rollte an. Ich lief und sprang wieder auf, begleitet von mehreren Kindern, die Spaß daran hatten, mit mir, einer „Mzungu“ (Weißen), zu rennen.
Wir fuhren vorbei an Bergdschungeln, zehn Meter hohen Huflattichen, eiszeitlichen Lobelien, an Schirmakazien und urigen Baobabs, den massigen, „verkehrt herum“ eingepflanzten Affenbrotbäumen. In der Nacht schlief ich in meiner Kabine auf meiner Pritsche.
Morgens wurde ich von Lärm geweckt, wir waren in einer größeren Stadt. In Tansania spricht man in Städten Englisch, aber in ländlichen Gegenden kommt man ohne Kiswahili nicht mehr weiter. „Lazima niteremke sasa, Daressalam?” Ich erkundigte mich, ob wir schon in Daressalam seien. „Hapana”, nein. Also schlich ich in die erste Klasse und nahm eine Dusche. Es war eine Art Gartenschlauch an der Decke in einer Extrakabine angebracht.
Ohne Verbindung
In Daressalam angekommen musste ich erst mal über den völlig überfüllten Bahnhof durch das Gedränge zum Busbahnhof. Welcher Dalladalla fährt hier zum Flughafen? Zwei Tansanier schieben mich in einen kleinen Bus. Mein Flug geht in einer Stunde, ob ich das noch schaffen kann? Ja, nur leider vergaß ich mein Handy im Dalladalla. Jetzt bin ich wirklich komplett ohne Verbindung zur Außenwelt, dachte ich mir noch, da hob die kleine Maschine auch schon ab und nach einer Stunde landeten wir am Kilimanjaro.
Vom Flugzeug aus war er schon beeindruckend, aber von unten sah er noch viel massiver aus. Dieser riesige Block besteht aus drei miteinander „verwachsenen”, erloschenen Vulkanen, an der Grenze zu Kenia.
Mit dem Bus ging es erst mal weiter nach Arusha, einer Stadt kurz vor der Serengeti, in der man Massaikrieger einfach so auf der Strasse begegnet, die letzte Station vor dem großen Abenteuer.
Zur Person
Nina Eggerath Die 25-Jährige stammt aus Bad Königshofen, studiert Tiermedizin in Leipzig und absolviert ein tierärztliches Praktikum in Malawi in Ostafrika. In der Lifupa Lodge im Kasungu National Park im Norden hat sie geholfen, den Wildtierpark zu pflegen. Unter anderem musste sie mit dem Besitzer zusammen gezielt Feuer legen und das Gebiet um die Lodge herum abbrennen, damit Buschbrände nicht auf das kleine Hotel und die umstehenden Chalets übergreifen. Später waren über 100 britische Soldaten zu versorgen, die eine Übung im Busch absolvierten.







